baerentatze

Sprachspuren in Marketing, Kultur, Ethik
Mehrheit gegen Schönheit

Beitrag vom 15 November 2007

Kern der Waldschlösschenfrage ist nicht, ob es eine Brücke gibt, sondern wie sie in die Landschaft passt. Dass es eine geben soll, hatten die Bürger entschieden. Das mag wehtun, gehört aber zur Demokratie. Wie die Brücke aussehen sollte, hat man allerdings auch den Bürgern überlassen.

Das aber hat mit Demokratie nichts zu tun, denn von Ästhetik versteht der mehrheitliche Bürger nichts. Er hält auch nichts davon, deswegen sollte er damit nicht erst befasst werden. Würde in Fragen der Kultur der Wille der Mehrheit gelten, dann sähe Dresden vielleicht aus wie Hoyerswerda, nur nicht so lieblich.

Die Brücke, die nun am Waldschlösschen entsteht, sieht genau so aus, wie es die Betonköpfe verdienen. Es wäre ein Leichtes gewesen, eine Brücke zu bauen, mit der die Mehrheit ihren Frieden findet, und die Minderheit möglicherweise auch.

Oliver Baer @ 07:03
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Verändert sich die Sprache?

Beitrag vom 18 Juli 2007

Die Sprache verändert sich. Wohl jeder von uns hat diesen Satz schon verwendet. Und viel wird mit diesem Satz gerechtfertigt:

“Wir müssen die Anglizismen hinnehmen, die Sprache hat sich doch immer schon verändert”, “Wir müssen die Rechtschreibung verändern, weil sich die Sprache verändert.” Der Durchschnittsmensch hört diesen Satz und akzeptiert dann [jeden sprachlichen Unfug als "natürliche" Veränderung]. Und doch ist er falsch, die Sprache verändert sich nicht.

Halt, halt, wird da manch einer sagen, das stimmt doch nicht, wir sprechen doch nicht mehr wie im Mittelalter, ohne Studium kann man Althochdeutsch nicht verstehen, nicht einmal immer Luther. Nun, ich bestreite nicht, daß die Sprache anders ist als früher, aber sie verändert sich nicht. Schon Wittgenstein wies darauf hin, daß das Denken durch die Ausdrucksweise der Sprache in die Irre geführt werden kann. Die Sprache verändert sich nicht, sondern sie wird verändert, und zwar vom Menschen.

Früher haben Herrscher, Sprachakademien, Sprachgenies wie Dichter oder Sprachpfleger und das gemeine Volk sie verändert, heute nehmen sich vornehmlich die internationalen Konzerne dieser Aufgabe an. Die Sprache wird vom Menschen verändert, aber nicht immer bewußt, absichtlich, sondern auch unbewußt (vgl. Keller, Rudi: Sprachwandel, UTB 1567), so wie ein Stau ja nicht absichtlich von Menschen verursacht wird, aber von Menschen verursacht wird.

Man kann aber den Satz “Die Sprache verändert sich” schon benutzen, nämlich wie den Satz “Der Porsche hat sich in den letzten zwanzig Jahren verändert”, also im übertragenen Sinne, aber nicht im Sinne von “Tante Kunigunde hat sich in den letzten zwanzig Jahren verändert”, denn der Sprache wohnen keine Gene inne, welche die Geschichte der Sprache steuern. Das große Problem, das zu vielen Mißverständnissen geführt hat, ist, daß viele Menschen die Sprache bewußt oder unbewußt als einen Organismus behandelten und behandeln.

Diesen Beitrag zitiere ich hier ungekürzt, mit Erlaubnis des Autors, Dr. Gottfried Fischer. An der Quelle Die beliebtesten Irrtümer finden Sie übrigens auch die Richtigstellung eines oft wiederholten Anwurfs: Nein, der sogenannte Führer hat Verdeutschungen eben nicht geschätzt, er hat sie unterbunden. Und die schöne Frakturschrift hat er auch verboten.

Oliver Baer @ 08:04
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Elbquere Kompetenz

Beitrag vom 23 Juni 2007

In Christchurch soll eine Entscheidung fallen über eine Brücke in Dresden. Warum in Neuseeland? Dort tagt das Weltkulturerbekomitee der UNESCO.

Das ist seltsam. Ob es die Dresdner fertigbringen, eine Eisenbahnbrücke von ausgesuchter Unangemessenheit über die Elbe zu ziehen, hat mit dem Weltkulturerbe zunächst einmal nichts zu tun. Dass die Brücke so nicht in die Landschaft passt, konnte einem auch ohne die UNESCO ins Auge fallen.

Erstaunlich ist nicht die Betonköpfigkeit, die sich jeder Besserung verweigert. Grotesk ist der Gedanke, man könne Kunst demokratisch bestimmen. Selbstverständlich ist es Sache des Volkes zu sagen: Ja, wir brauchen eine weitere Elbquerung. Wie sie aussieht, darüber kann aber nur entscheiden, wer die Kompetenz dazu besitzt, und zwar im doppelten Sinne: Der etwas davon versteht und der dazu das Sagen hat – oder dazu beauftragt wird.

Darin liegt der Fehler: Die falsch formulierte Frage entzweit die Dresdener. Der Bürgerentscheid, wenn er nichts zuließ als den damals vorliegenden Brückenentwurf, war eine Kompetenzüberschreitung. Sobald wir es zulassen, dass über Fragen des Geistes, über Fragen der Kunst, der Gestaltung usw. basisdemokratisch abgestimmt werde, kommt keine Einigung zustande, nur Zwietracht.

Demokratie lebt auch davon, dass man sich Gedanken darüber macht, wer wann was zu entscheiden habe. Dass alle immer alles bestimmen, wäre nur eine von vielen möglichen Auslegungen, nämlich die dümmste.

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Oliver Baer @ 05:57
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Kunden wollen es wissen

Beitrag vom 22 Mai 2007

Zum guten Stil gehört mehr als das gewählte Wort. Um den Sprecher zu entlarven, genügt ein zweiter Blick auf seine Tätigkeitswörter: Sagt er, was er tun werde oder sieht man seinen Floskeln an, was geschieht, nämlich nichts?

“Wir sind uns unserer Verantwortlichkeit bewusst.” Was Frau Merkel damit sagen möchte oder eher nicht, bleibt im trüben, wo es hingehört. Insofern stimmt der Ton. Form und Inhalt bilden ein vollkommenes Designprodukt nach dem Postulat fff (form follows function) von Louis Henry Sullivan: Die Form folgt aus der Funktion. Ich will nicht beim Wort genommen werden, also werfe ich Nebelkerzen.

Klarheit anstelle des Nebels entstünde, hätte Frau Merkel von Verantwortung gesprochen. Es gibt sie, mancher hat sie schon mal erlebt. Das könnte dann so lauten: “Ich bin mir der Verantwortung bewusst”. Man sieht förmlich, wie sich das Rückgrat strafft, da stellt sich einer den Dingen, wie sie sind. Politiker, wenn auf dem falschen Fuß erwischt, sagen so etwas, zum Beispiel bei Jahrhundertfluten.

Aber es geschieht nicht viel. Ein Bekenntnis höherer Ordnung müsste mehr wagen: “Ich trage die Verantwortung” riecht nach Taten, die folgen werden. Darauf vertraut der Hörer, jedenfalls ein bisschen, denn man kennt das, erst die großen Worte und dann wars das. Aber so richtig hellhörig wird der Mensch –“ hier kommt die Stelle zum Mitschreiben –“ bei den Worten: “Wir verantworten das.” Da liest man ein Ausrufezeichen, man schätzt den Mut dessen, der verantwortet, was er nicht verschuldet hat (die Flut an der Elbe) – der wird wiedergewählt.

Es ist das Verb, das Tätigkeits- oder auch Tuwort, in dem die Kraft steckt, der Wille zur Tat, der mehr ist als blasses Möchten. Dumm wäre dann nur, wenn immer noch nichts passierte. Aus diesem Dilemma rührt der farblose Reiz des Merkelschen “Wir sind uns unserer Verantwortlichkeit bewusst”, da kann halt nichts schiefgehen, gelogen hat man nicht…

Ist das im Marketing anders, etwa besser? Keine Bohne. Wenn ich nichts zu sagen habe, nenne ich meine Pampe Anti Aging Creme, in der Hoffnung, es werde schon keiner nachfragen, wie eine Krem das Altern verhindern werde. Aber das wäre Beckmesserei, so wars nicht gemeint, es geht um ein Fihling, oder ein Pihling, weiß der Geier.

Hauptsache, man sagts auf Englisch, dann ist es zeitgemäß, nämlich kühl, leblos. In diese Kategorie fallen neunzig von hundert Anglizismen (Ausnahme: das Händi, sehr hübsch) sowie das Amtsdeutsch und alle Blähjargons, deren Anfertigung übrigens auch ohne Englisch gelingt. Das rächt sich, etwa im hausinternen Dialog mit Kollegen und Mitarbeitern, siehe Telekom (Stichworte downsizing, outsourcing und folgerichtig: der Streik).

Das genaue Gegenteil gilt für Dinge, die man erklären muss. Sie konkurrieren im Markt mit Angeboten, die so aussehen, als leisteten sie dasselbe. Hier muss der Anbieter den Unterschied glaubhaft rüberbringen. Gefühle in der Gürtelregion gehören dazu, genügen aber nicht. Es ist die Sprache, die den Kunden auf Augenhöhe mit dem Anbieter hievt. Er soll den Verkäufer beim Wort nehmen können. Das ist zum einen eine Stilfrage, zum Beispiel der Wortwahl – siehe oben: Verben –“ und zum anderen eine Sache des Willens, man muss den Stil durchhalten wollen. Die Sprachtechnik kann man erwerben, oder Fachleute dafür mieten.


Laut Duden, der aber auch jeden Unfug aufnimmt, wenn er nur oft genug wiederholt wird, bedeutet Verantwortlichkeit das Verantwortlichsein. Aber nein doch.

Oliver Baer @ 16:34
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Die Times aus London

Beitrag vom 18 Mai 2007

Beim Blättern in englischen Tageszeitungen fällt auf, dass mittlerweile sogar The Times auf einem Niveau angelangt ist, das einen glatt deprimieren könnte. Es ist kein Wunder, dass die Engländer in ihrem Deutschlandbild behindert sind, wenn selbst die Times nicht mehr als Vorbild für deutschsprachige Tageszeitungen herhalten kann. Alleine mit der Süddeutschen, der Frankfurter Allgemeinen, der Wiener Presse, der Neuen Zürcher Zeitung haben wir mindestens vier Tageszeitungen, die das Vorbild beschämen. Anmerkung: Die Times kennt mittelbar jeder PC-Nutzer, für sie wurde einst die Schriftart Times Roman entwickelt.

Oliver Baer @ 11:06
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Amazon vergreift sich an meinem Rechner

Beitrag vom 18 Mai 2007

Offener Brief an den Geschäftsführer der Amazon Deutschland GmbH:

Betrifft: Schaden, den Ihre Lieferung an meinem Rechner angerichtet hat

Sehr geehrter Herr Kleber,

ich besitze nur legal erworbene DVD-Spielfilme, unter anderem von Amazon. Wir sehen die Filme auf dem Bildschirm des PC, damit gab es bisher keine Probleme.

Kürzlich haben wir uns erstmals auf einen DVD-Verleih eingelassen, nämlich Ihren. Seit dem Abspielen der ersten gelieferten DVD ist nun mein System gestört, offenbar durch Ihre Kopierschutzmechanismen. DVD-Spielfilme, egal welche, kann ich seither nicht mehr ansehen. Für den zeitlichen und kausalen Zusammenhang habe ich Zeugen.

Die schadensauslösende DVD liegt diesem Brief bei. Meine Kündigung des Leihvertrags gilt ab sofort.

Nun bin ich gespannt, was Sie unternehmen werden, meinen PC in den vorherigen Stand zu versetzen.

Mit freundlichem Gruß,
Oliver Baer

Oliver Baer @ 10:50
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Das Netz, ein nützlich Werk

Beitrag vom 18 Mai 2007

Ein Wort mit hohem Blähwert im Deutschen ist das Netzwerk. Es nützt so viel wie der Wackeldackel im Rückfenster. Das Wort Netz beschreibt, worum es es sich handelt: Ein Netz von Beziehungen, alles schon dagewesen, kurz und knackig. Aber Rettung naht: Dem Kollegen Werner W. Jaing verdanken wir die Neuschöpfung Nutzwerk. An diesem Gedankenblitz stört Spottolski nur, dass er ihn nicht selbst hatte.

Oliver Baer @ 10:46
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Die Rückseite der Medaille

Beitrag vom 11 Mai 2007

Götz Werners Vorschlag zum bedingungslosen Grundeinkommen gleicht einer Medaille. Die brisante Hälfte ist auf der Rückseite abgebildet: Eine Steuerreform, die ermöglichen würde, was unser gewachsenes Steuersystem verhindert: Dass wirtschaftliche Entscheidungen aufgrund vernünftiger Überlegung nach freier Wahl zustande kämen, nicht um Arbeitskosten zu minimieren.

In seinem Buch Einkommen für alle berichtet Werner über zwei typische Reaktionen. Das Publikum folge entweder dem “neoliberalen Verstand” oder dem “sozialistischen Herz”. Applaudieren die einen dem Steuerprinzip und halten das Grundeinkommen für Sozialromantik, preisen die anderen seine Gerechtigkeit, wollen aber auf keinen Fall die Unternehmer steuerlich entlasten. Beide übersehen den Münzcharakter der Idee: Vorder- und Rückseite haben miteinander zu tun, sie bedingen einander sogar.

Bauen Sie mal Ihre Steuererklärung selbst, das muss man erlebt haben! Das deutsche Steuersystem ist obszön, es bremst alle schöpferische Energie. Der Staat käme zur gleichen Summe Geldes mit einem Bruchteil des Aufwandes (und ohne seine Bürger zu verdächtigen, sie seien Kriminelle, sobald man sie ließe), wenn er Steuern nicht am Anfang, sondern am Ende des Produktionsprozesses erhöbe. Der Endkunde bezahlt ja sowieso sämtliche Steuern und Sozialabgaben, die den Unternehmen abgeknöpft werden, egal was das sozialistische Herz davon hält (siehe Nachts ist es kälter als draußen). Götz Werners Modell wäre sowohl ehrlicher als auch sozial bekömmlicher.

Das bedingungslose Grundeinkommen, gekoppelt mit der Konsumbesteuerung, würde an der Wirklichkeit an sich nichts ändern; unser Umgang mit ihr würde intelligent. Wir würden unser Verhalten ändern. Diese Aussicht allein macht Werners Vorschlag so spannend. Er kämmt unsere Wahrnehmung gegen den Strich, das tut immer gut. Wem ein ganzes Buch zuviel ist: Enno Schmidt und Daniel Häni erläutern den steuerlichen Aspekt mit Beispielen: In den reifen Apfel beißen – Warum eine ausschließliche Besteuerung erst beim Konsum sinnvoll und wirklichkeitsgemäß ist.

Zu den Befürworter eines Bürgergeldes oder Grundeinkommens zählen der Bundespräsident, Horst Köhler, und Thüringens Ministerpräsident, Dieter Althaus. Sie eint mit Götz Werner, dass die Idee zum öffentlichen Thema werden muss. Vorher kann man nicht entscheiden, weil man nicht weiß, wovon man redet. Und dann, “wenn man etwas machen will,” sagt Götz Werner, “dann muss man es erst einmal denken können. Wenn man es dann wirklich will, findet man auch Wege. Und wenn man es nicht will, findet man Gründe.”

Gründe kennen wir, wo es um Steuern geht, um Sozialabgaben, um Krankenversicherung, um Arbeitslose: Alles muss bleiben, wie es ist, obwohl alle Kundigen wissen, das ist nicht haltbar: Götz Werner nennt Hartz IV sogar einen “offenen Strafvollzug”. Aber lesen sie selbst:

Einkommen für alle
Der dm-Chef über die Machbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens
Götz W. Werner, Verlag Kiepenheuer & Witsch
2007. 221 S. 22 cm, Gebunden, ISBN: 3462037757

Oliver Baer @ 20:15
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Spottolski sagt was zur Brücke

Beitrag vom 11 Mai 2007

Spottolski musste kürzlich Einbußen in seiner Napflage hinnehmen. Aufgrund eines logistischen Versehens wurde die gewohnte Kost knapp, stattdessen fand er in seinem Napf einen Dosenhering. In Kräuter-Dillsoße.

Ein, zwei Wiederbelebungsversuchen, die er mit verhaltener Hingabe unternahm, blieb der Erfolg versagt. Schließlich fraß er den Hering samt Beilagen, was uns an seiner seelischen Verfassung zweifeln ließ, denn es geschah ohne die üblichen Anschuldigungen. “Wie geht’s in der Politik?” eröffnete ich diskret das Gespräch. Fragetechnik ist meine Stärke.

“Supa,” verkündete er. Nach dem nun geregelten Verbot des Essens in der Öffentlichkeit, in Wartesälen, Bushaltestellen sowie sonstwo rechne er nun mit einem Aktionsplan der Regierung gegen Gedankenarmut. “Liegt in der Schublade. Aber zitier mich nicht,” raunte er. “Klar doch,” sagte ich, Vertrauen ist das X und U der Pressearbeit. Wir ließen ihn reden.

Vorschriften würden keine gemacht, gab er bekannt, die Regierung werde mit gutem Beispiel vorangehen: “Sie wird zurücktreten.” – “Wen?” – Das werde in der Pressemitteilung in allen Einzelheiten verheimlicht, nur Geduld. Und der Bundestag werde versteigert. “Die Landtage gleich mit, alles ein Aufwasch.”

“Bis auf das Mysterium für Landwirtschaft,” fuhr unser Jungpolitiker fort, “alles, was mit Kultur zu tun hat, bleibt. Brückenbau und solche Sachen.”

“Wegen der Waldschlösschenbrücke°?”

“Dazu habe ich meine eigene Meinung,” sagte Spottolski. “Man muss das differenziert betrachten: Die selbsternannten Kritiker der Welterbeverfechter –“ sag mal, schreibst du mit? – haben sich in Sachen Kultur durch vehementes Nichtstun … is was ?” Er schüttelte den Kopf, als missbilligte er etwas. “Ich beanstande dich,” sagte er. “Wo waren wir? Ach ja, … zu vehementen Nichtstuern in Sachen Kultur –“ hast du das? – Mit anderen Worten, die sind voll im Bilde.”

Ich sagte: die Brücke gilt als eine ausgesucht unschöne Brücke …” –“ “Mit dem Bau muss unverzüglich, das heißt ohne Verzug, also da muss jetzt was passieren,” versicherte er treuherzig.

“Eine klare Aussage,” sagte meine Frau, die etwas gegen Volontärinnen hat, jedenfalls die mit kurzen Röcken, schon gar mit schlecht vernähtem Saum, deswegen ist die jetzt weg. “Und kann ihnen geholfen werden!”, fügte Spottolski drohend hinzu, dem jetzt hörbar der Dill vom Hering aufstieß.

“Wie?”, wollten wir wissen. “Was: wie? Die Bagger müssen rollen!” schrie Spottolski. “Und wenn die Welt in Scherben fällt …” –“ “Heut ist der Tag der klassischen Zitate!” rief ich –“ “Jawoll … so werden die Trümmer einen Furchtlosen treffen.”

Es gehe um den Bau, nicht die Zerstörung einer Brücke, bemerkte ich. “Sag ich doch!” wurde Spottolski lauter. “Diesen Betonköpfen muss klar vermittelt werden, wo der Hase hängt.” –“ “Der Hammer!” –“ “Wieso Hammer? Der Hase muss rollen, der Bagger, rollen wird er. Schreibst du überhaupt mit?”

Wie es denn seinen Wählern gehe, lenkte ich ab (siehe unser erstes Gespräch nach Spottolskis beispiellosem Entschluss, Politiker zu werden – wir berichteten hier). “Wem?” Ich sagte, das seien die Leute, deren Sache er vertrete. “Das tu ich, ich bin für vernünftige Dosenkost.”

“Und Gedankenarmut?” –“ “Allemal!” Die sei in besten Händen, versicherte er. Dann wollte er schleunigst ins Freie, vielleicht bekamen ihm die Kräuter nicht.


° Dieser Verweis gilt als fragwürdig und wird daher voll abgelehnt.

Oliver Baer @ 19:28
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Mittelstands-PR

Beitrag vom 11 Mai 2007

In der Öffentlichkeitsarbeit ist die Pressearbeit enthalten, im Mittelstand sind dafür meist dieselben zuständig wie für Marketing, Werbung, Verkauf. Ihnen bietet sich eine Gelegenheit, im kleinen Kreise zu beraten, was man besser machen kann, aber auch sollte, als die Großen im Markt.

((Der Verweis auf die hier angekündigte Veranstaltung ist veraltet; der Rest dieses Beitrages wurde daher gestrichen))

Oliver Baer @ 15:10
Gespeichert in: Unternehmen
Reiz der Fülle

Beitrag vom 1 Mai 2007

Reiche einem Xhosa etwas, so streckt er die Hand aus, wie wir es tun. Da hinein legst Du die Blume, die Münze, den Löffel. Aber er benutzt zum Nehmen beide Hände, mit nur einer wäre die Geste ungehörig. Seine Linke stützt den Rücken der ausgestreckten rechten Hand.

Diese würdevolle Geste erübrigt das “Danke!”, in den Bantusprachen hört man es nicht. Daraus zu schließen, es mangelte den Bantu an Dankbarkeit, wäre falsch. Mit dem Begriff Dankbarkeit verbinden sich verschiedene Vorstellungen, jede ist schlüssig und auf die eigene Kultur beschränkt. Da bietet sich ein Verdacht an: Vielleicht ist, wofür man kein Wort besitzt, so selbstverständlich, dass es der Erwähnung nicht bedarf? Wie wäre es, wenn uns die Xhosa als Barbaren wahrnehmen, da wir statt einer Geste ein Wort benötigen?

Mir halfen Muttersprachler bei den polnischen Passagen der Kreisauer Rede. Mir scheint, sie verstanden den Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland aufgrund ihrer Kenntnis des Deutschen (oder des Englischen: mother-tongue und fatherland). Sie boten an, was sich wie heimatliches Land und heimatliche Sprache anfühlt. In der Übersetzung verbleibt also eine Spannung, die man durch Umschreibung, durch Bilder lösen muss (°).

Für Deutsche liegt der Unterschied auf der Hand. Sprache (Zunge) ist nicht dasselbe wie Land, wozu gäbe es sonst die Unterscheidung? Dafür fehlt Trennschärfe im Wort Deutsche, meint es doch hier die Menschen deutscher Zunge. Dazu zählen Millionen, die im Stadion Stadium andere Flaggen schwenken als die schwarz-rot-goldene.

Gebärden sich Polen mangels Muttersprache einen Schuss nationalbewusster als andere, da sie ans Vaterland denken, wenn sie ihre Sprache meinen? Wie drückt sich ein Pole aus, wenn er meint, was wir die Muttersprache nennen? Bei solchen Fragen erschließt sich der Reiz der europäischen Sprachenfülle. In Übersetzungen fremder Autoren schwingt dann zwischen den Zeilen etwas, worauf wir Europäer zu unserem Schaden verzichten, wenn wir uns auf eine, die englische Sprache beschränken.

Nebenbei gefragt: Wieso gibt es deutsche Muttersprachler, die den Unterschied zwischen Muttersprache und Vaterland nicht denken können?

Abschweifung: Typischerweise begegnen einander an dieser Stelle das rechte und das linke politische Extrem. Beide missverstehen jede Äußerung für die Muttersprache als Aufforderung zum Tanz nach braunen Noten; sonst haben beide zur Sache nichts beizutragen. Ohne Respekt vor der Muttersprache bringt man offenbar keine trennscharfen Gedanken zustande.

Die Lücke schmerzt, denn der kulturelle Respekt vor den Muttersprachen seiner Bürger begründet Europas Stärke, so wie umgekehrt das Verschwinden der Schlagbäume Europa auf Kosten der Vaterländer stärkt. Daraus müsste der lange verfehlte Zweck einer erneuerten auswärtigen Kulturpolitik folgen.

Die Politik beruht auf einem Denkfehler: Zwar einigt sich alle Welt auf eine Handels- und Verkehrssprache. Man nennt sie Englisch, ohne siche die Mühe zu machen, ein bisschen zu unterscheiden. “Die Weltsprache ist nicht Englisch, die Weltsprache ist schlechtes Englisch”, sagt David Crystal und das gehört ernst genommen. Die Weltsprache ist eine Hilfssprache, dem Esperanto näher als einer Kultursprache, aber viel schwerer zu erlernen.

Der besseren Unterscheidung wegen könnte man dieses Gebilde Globisch nennen. Einen Ersatz für die Muttersprachen bietet das globische Flachenglisch nicht. Leider gehen diesem Irrtum maßgebliche Leute auf den Leim. Wenn ein bekannter Professor der Wirtschaftswissenschaften verkündet: “Ich bin dafür, alles in englischer Sprache zu machen. Goethe, Schiller und die anderen Schreiberlinge kann man auch auf Englisch lesen”, ist er der mangelnden Trennschärfe der Weltsprache bereits zum Opfer gefallen: Helmut Seitz, seinerzeit an der Viadrina Universität, an der Grenze zu Polen.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Je glatter und flacher die Welthandels- und Verkehrssprache ist –“ das muss sie sein, sonst stünde sie der Verständigung im Wege –“ desto wichtiger wird unsere Besinnung auf die Muttersprachen. Das Praktische der Weltsprache hat seinen Preis: Tiefe, Genauigkeit, Erfindungsgeist, die Fähigkeit zu entwickeln und zu forschen erfordern ein geeignetes Werkzeug. Das gibt es, wir haben es, wir müssen es nur pflegen: Es ist die Muttersprache, die allein zur Kultursprache steigerungsfähig ist. Globisches Flachenglisch ist dafür so geeignet wie ein Hammer zum Schrauben.

Wenn wir schon von den fernen Xhosa die Würde einer gepflegten Körpersprache (wieder) erlernen könnten, um wieviel ergiebiger dürfte es sein, von den Sprachen unserer Nachbarn zu lernen, etwa den Polen? Darauf sollte sich Kulturpolitik konzentrieren: Erstens auf die Pflege und Vermittlung der Muttersprache, zweitens auf die Fähigkeit zum Austausch mit den Nachbarsprachen. “Der geistige Reichtum Europas muss sich in der Pflege seiner Sprachenvielfalt widerspiegeln,” sagt Lutz Götze in seinem Beitrag Auswärtige Kulturpolitik ohne Deutschkenntnis in Blätter für deutsche und internationale Politik. Flachenglisch kann so wenig Thema der Kulturpolitik sein wie Javascript oder der Fachjargon der Mediziner.

Das international erforderliche Flachenglisch lernt man mühelos auch noch als Erwachsener, man erlebt es als ein Art höheren Pidgins auf Konferenzen. Englisch als Kultursprache hingegen ist wichtig, auch in der Wirtschaft, um auf Augenhöhe mit Muttersprachlern Dinge zu erörtern, für die das Globische nicht genügt, nie genügen wird. Das sind allerdings meist Situationen, in denen ein Dolmetscher mehr nützt, dafür ist er ausgebildet. Oder käme einer auf die Idee, in Schanghai ohne Dolmetscher aufzutreten? Um auf Augenhöhe mit englischen Muttersprachlern zu verkehren, müsste man fünf Jahre in ihrer Sprache leben. Mindestens und das rund um die Uhr.

Die Kultursprache Englisch sitzt im selben Boot wie Deutsch und Polnisch, sie ist bedroht von Sprachfaulheit (Shakespeare wurde bereits aus den britischen Schulplänen gestrichen ) und von dem Irrglauben, die Welthandelssprache würde sprachlich abdecken, was wir global benötigen. Das richtige Englisch braucht unseren Respekt. Aber es ist kein bisschen wichtiger als Polnisch. Oder Deutsch.


(°) Meinen tschechischen Ratgebern standen vlast für Heimat und mateřština für Muttersprache zur Verfügung.

Oliver Baer @ 16:20
Gespeichert in: Gesellschaft