baerentatze

Sprachspuren in Marketing, Kultur, Ethik
Klesmer für eine Million

Donnerstag 23 November 2006

Lehnwörter bereichern den Sprachschatz, wenn der Volksmund, die Wissenschaft oder sonstwer einen neuen Begriff hinzugewinnt, und sei es nur eine Schattierung eines bekannten Begriffes. So ist beispielsweise ein Clown nicht dasselbe wie ein Kasper und nicht jeder Spaßmacher könnte sich im Zirkus verdingen.

Keinen Zugewinn bringt uns der Chopper, amerikanischer Volksmund für den Helicopter. Wenn schon Verniedlichung, würde im Deutschen der Hubi genügen, wie ihn der Kommissar in Till Schweigers Film Knocking on Heavens Door nennt, worauf ihn sein Assistent korrigiert: Chef, das heißt Heli.

Immerhin richtet der Chopper im Deutschen keinen erkennbaren Schaden an. Worüber man streiten könnte, denn allzuviel profitfreier Import von dieser Sorte trübt unser Vermögen, das Echte vom Bockmist zu unterscheiden. Angenommen, Günter Jauch fragte Sie für eine Million, wie man Giora Feidmans Musik nennt:

Klesmer, Kletzmer, Klezmer oder Kletsmer?

Im deutschsprachigen WWW findet der Google Klezmer fast 600.00 mal, aber nur 20.000 mal Klesmer. Klarer Fall, die Mehrheit kann nicht irren? Irrtum: Mit dem Z hätten Sie nur den Trostpreis kassiert, richtig ist das S in Klesmer. Auf das TZ kommen wir noch.

Die Auflösung ist einfach: Mit dem Z kennzeichnet das Englische, was wir im Deutschen als eher weiches S kennen. Klesmer kommt über das Jiddische aus dem Hebräischen und wir schreiben es, wie wir es aussprechen. Das tun die Engländer auch, daher schreiben sie es mit Z. Da wir alles, was aus dem Englischen kommt, mit dem Evangelium verwechseln, schreibt nun das deutschsprachige Netzvolk 33 mal häufiger Klezmer als Klesmer.

Darauf folgt, wie das Amen dem Gebet, dass ahnungslose DJs Klezmer lesen und als Kletzmer aussprechen; woher soll einer – in diesem wischiwaschi Sprachmischmasch – auch wissen, ob das Wort auf dem Zettel ein deutsches oder englisches wäre? Er sagt Kletzmer mit einem scharfen TZ –“ und alle quatschen es nach. “So hat es der nette Typ im Radio eben gesagt, der muss es wissen.”

Nichts weiß er. Kletzmer stimmt in keiner Sprache, nicht auf diesem Planeten. Durch den unnötigen Re-Import eines bereits vorhandenen Wortes ohne jede neue Bedeutung ist aus einem richtigen ein falsches Wort geworden. Falls Sie es nicht glauben, es gibt Leute, die sich auskennen, etwa die Klesmergruppe Aufwind, sie schreibt es auf ihren deutschen Seiten Klesmer und auf den englischen Klezmer.

Ist das irgendwelcher Aufregung Wert?

Im Radio hörte ich einem Redakteur der Deutschen Welle zu, wie sein Sender die Auslandsdeutschen bediene; er nannte sie expatriots. Ich denke, ich höre nicht recht: “ehemalige Patrioten”? Aber dann wiederholte er das Wort, es war eindeutig expatriot, wie in ex-husband (früherer Ehemann). Gemeint waren natürlich expatriates, den Unterschied kennt er, kein Zweifel, es war also nur ein Fehler der Aussprache, eine Flüchtigkeit, die aus den armen Auslandsdeutschen vaterlandslose Gesellen macht.

Solche Beispiele findet man ungezählte. Es gibt Völker mit einer Sprache, die noch sperriger ist als unsere. Beispielsweise die Finnen genieren sich nicht, ein vielsilbiges, eigenes Wort für fair zu verwenden. Ein grotesk-schönes Videoerlebnis, das beweist, sie tun es in aller Öffentlichkeit, verdanken wir Heiko Walkenhorsts Hinweis: Du bist Finnland! (Oder etwa nicht?). Es dauert sieben Minuten. Hören Sie genau hin, das Wort fair kommt mehrmals vor. Wenn englische Untertitel Sie nicht umhauen, machen Sie sich auf einen Genuss gefasst.

Und hier die Moral von der Geschicht’: Beim Importieren eines Lehnwortes empfiehlt sich ein Quentchen Aufmerksamkeit, eine Prise Bewusstsein: Nützt es, schadet es oder blamier ich mich bloß? Sonst passiert Ihnen so etwas: Art goes Christmas. Diese Kreation zieht gleich Zweien das Hemd aus der Hose: Deutschen und Engländern.


12 Kommentare für ' Klesmer für eine Million '

  1.  
    23. November 2006 | 00:13
     

    [...] Nachtrag: Das Wort fair kommt auch in diesem Beitrag vor: Klesmer für eine Million. [...]

  2.  
    Paulousek
    7. Dezember 2006 | 02:54
     

    Ich hatte den Verdacht schon zuvor:
    Sprachpflege ist die Paradedisziplin für Besserwisser.
    Ihr mehr oder weniger heimliches Idol ist Karl Kraus. Der offensichtliche Widerspruch besteht darin, dass Karl Kraus wirklich besser wusste, was die hiesigen und heutigen Mäkler nur besser zu wissen vorgeben. Denn er sprach von der Sprache als Symptom, wogegen die hier betriebene Sprachpflege sich bestenfalls als Selbstzweck oder, schlimmerenfalls, als nationale Identitäts-Angelegenheit betrachtet.

  3.  
    7. Dezember 2006 | 09:22
     

    Ach, Herr Palousek,

    warum denn gleich sachlich werden, es geht auch persönlich!

  4.  
    10. Dezember 2006 | 21:42
     

    Klezmer vs. Klesmer: ist gar nicht nur eine Frage ob aus dem Deutschen oder aus dem Englischen, sondern (auch innerhalb des Deutschen) ob Transliteration (z für das hebräische Zajin) oder Transkripiton (simples s, also Sajin) … aber auch das könnte der DJ wohl kaum unterscheiden ;-)
    vielen Dank für den wunderbaren Newsletter!
    herzlichst johannes Reiss

  5.  
    10. Dezember 2006 | 23:04
     

    Hallo, Herr Reiss,

    Wird Kles (die Musik der Klesmer) im Hebräischen wie ein S oder wie ein Z gesprochen? Und Klesmer ebenso? Lösen Sie das Rätsel! Und würde es an der Schwachsinnigkeit der Rücktransliteration (von Deutsch zu Englisch und zurück) etwas ändern?

  6.  
    Paulousek
    11. Dezember 2006 | 17:55
     

    So wird die Frage nach der Orthographie zu einem sprachgeschichtlichen Seminar, einschließlich Ausflügen ins Hebräische. Sehr beeindruckend, meine Herren – wäre das, wenn es dabei nicht um Nichtigkeiten ginge. Klesmer, Klezmer? I don’t care!
    Wenn wir nicht eine solide Tradition freimütiger und praxiserprobter “Rücktransliterationen” hätten, würde unser Deutsch wie Französisch oder wie sonstwas aussehen. Jede Sprache hat ihr Recht auf Anleihen, Transliterationen und Übernahmen. Sonst geht sie tot. Hier prügeln Sie nicht nur den falschen Sack, sondern auch noch den falschen Esel. Die Marketing-Greuel anglifizistischen “wordings” treffen Sie hier nicht.
    Seien Sie vorsichtiger, sonst werden Sie aus jeder Sprachpraxis kurzerhand “weggedisst”, auf deutsch: irrelevant.

  7.  
    12. Dezember 2006 | 00:11
     

    Hallo, Herr Paulousek,
    ich stimme Ihnen ja fast uneingeschränkt zu! Nur ist halt nun mal Klesmer ein hebräisches (Kunst)Wort, dessen Bedeutung nur schwer zu fassen ist. Die korrekte Aussprache hingegen ist einfach und klar: Klesmer mit S. Mir ging es bloß um dieses so schön klingende gesummte semitische S, um das ich mich in diesem Fall leidenschaftlich bemüh(t)e ;-)

  8.  
    Paulousek
    12. Dezember 2006 | 01:30
     

    Vielen Dank Herr Reiss, für Ihre Antwort.
    In der Tat lohnt sich jede Mühe für jedes gesummte “S” – und das meine ich nicht, wie sonst für mich üblich: ironisch- sondern ernst. Ich denke nur, dass der hiesige Hausherr, Oliver Baer, mit diesem Beitrag ganz anderes im Sinn hatte.

  9.  
    Juliane Lensch
    23. Juli 2009 | 14:45
     

    Hallo,
    ich lese gerade Ihren herzerfrischend polemischen Beitrag über die Schreibweise des Wortes klezmer. Leider sind Ihnen aufgrund Ihrer Unkenntnis der hebräischen Schrift, in der nun einmal die jiddische Sprache geschrieben wird, ein paar Fehler unterlaufen.
    Ich schließe mich Herrn Reiss insofern an, als das Z die international übliche Umschrift für das hebräische zayen ist. Gesprochen wird es wie ein stimmhaftes s. Das s ist die Umschrift für das samekh, ein stimmloses s. Einen als ts (also wie das´deutsche z) gesprochenen Buchstaben gibt es auch: das tsadek. Ein Deutscher wird das Wort klesmer immer mit stimmlosem s sprechen, weil ein Konsonant folgt. Also als samekh. Klezmer schreibt man aber mit zayen.
    Klezmer mit samekh klingt für jiddische Ohren genauso falsch wie klezmer mit tsadek.
    Fazit: Auch das Wort klesmer stimmt in keiner Sprache, nicht auf diesem Planeten.
    Zayd gezunt
    Juliane Lensch

  10.  
    24. Juli 2009 | 09:04
     

    Liebe Frau Lensch,

    Sie haben sicher recht, so weit ich das beurteilen kann , aber auf dieser Strecke wird die Absicht meiner Polemik verpasst. Mir ging es um die Aussprache und wie auf dem Umweg über das Englische eine Schreibweise ins Deutsche zurückkehrt, die nichts mit international üblicher Umschrift, sondern nur mit dem Nachäffen englischer Begriffe zu tun hat. Nach dem Motto: Wenn es aus Amerika kommt, muss es ja stimmen..

    Dennoch die Frage: Was bedeutet “international übliche Umschrift”? Üblich unter Linguisten, also in der Wissenschaft, oder wäre es recht und billig, von Journalisten Kenntnis dieser Umschrift zu verlangen?

  11.  
    Juliane Lensch
    2. August 2009 | 16:42
     

    Lieber Herr Baer,
    üblich in der Wissenschaft, in der Tat, und nicht nur unter Linguisten.
    Kann man von Journalisten wahrscheinlich nicht verlangen, aber dann sprechen sie es halt falsch aus, kletzmer oder kleßmer…

  12.  
    3. August 2009 | 08:01
     

    Dann müsste man akzeptieren, dass die – nichtwissenschaftliche – Schreibung Klesmer (im Deutschen mit S) der richtigen Aussprache (weiches S) am nächsten kommt.

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