Wer sich um die deutsche Sprache bemüht, sei ein Nationalist, heißt es. Ganz blödsinnig ist das Argument nicht, aber selten zu Ende gedacht. Nehmen wir den Einwurf beim Wort mit der Gegenfrage: Von welcher Nation reden wir? Die Antwort könnte überraschen.
In diesem Zusammenhang taucht die Frage auf, welche Logo-Farben der deutschen Sprache gemäß wären: Schwarz-Rot-Gold, wie im Logo des Vereins Deutsche Sprache? In welchen Farben erkennen sich dann die Schweizer, die Österreicher, ganz zu schweigen von den deutschsprachigen Minderheiten jenseits der bundesdeutschen Grenzen? Anders gefragt: Ich wüsste gerne eine redliche Begründung, dass Schwarz-Rot-Gold – oder auch jedes andere Farbenensemble – für meine Muttersprache stehen könnte. Riskieren Sie hierzu einen Blick auf eine ältere Karte der deutschen Mundarten. Was ihre Sprecher gemeinsam hatten, war stets die Sprache, sie zieht andere Grenzen als die Nationalstaaten.
Wie von der Gebetsmühle hört man den Vorwurf, die Amerikaner betrieben Kulturimperialismus. Wenn es nicht so oft wiederholt würde, könnte ich das abnicken. Mitunter begründen jedoch dieselben Leute Schwarz-Rot-Gold als die einzig gültigen Farben für die deutsche Sprache. Dafür gebe es zwei Gründe: Erstens lebe die Mehrheit der Deutschsprachigen in Deutschland, zweitens entscheide sich das Schicksal der Sprache in Deutschland, nicht in Österreich.
Sieh mal an, als Österreicher hätte ich das für Kulturimperialismus der Deutschen halten können. Man muss ja sowas von aufpassen!
Beide (der Beitrag und der 1. Kommentar) irren gewaltig. Wer den schwarz-rot-goldenen Farben “Kulturimperialismus” oder “Nationalismus” (? wohl eher BRD-Engstirnigkeit) vorwirft, kennt nicht die deutsche Geschichte.
Was sich 1871 konstituierte, war ein kleindeutsches (da nur einen Teil der Nation umfassendes) Reich und hatte deshalb eben auch nicht Schwrz-Rot-Gold, sondern Schwarz-Weiß-Rot als Staats- (nicht als National-)farben: Schwarz-Weiß von Preußen und Weiß-Rot für die Hansestädte. Unter anderem Österreich blieb draußen. Die großdeutschen (Vereinigung nach Möglichkeit aller Deutschen in einem Staat) Farben dagegen wurden von den nationalen Burschenschaften eingeführt und in der Revolution von 1848 zum (all-)deutschen demokratischen Symbol.
Die Weimarer Republik nahm diese Farben an, weil beabsichtigt war, die Teilung Deutschlands zu überwinden. Deutsch-Österreich aber wurde, entgegen den Verlautbarungen über die Souveränität der Völker (die galt nicht für Deutsche), von der Entente der Anschluß an die deutsche Republik verboten.
Daß später ironischerweise Schwarz-Weiß-Rot von den Nazis für ihr Großdeutsches Reich mißbraucht wurde und BRD wie DDR natürlich auf Schwarz-Rot-Gold zurückgriffen, ändert nichts an dem geschichtlichen Ursprung dieser Farben. Deshalb liegt es nahe, diese Farben für die deutsche Kultur-(=Sprach-)Nation zu verwenden.
Lieber Herr Schmidt,
in meinem Aufsatz Von welcher Nation reden wir? hatte ich Ihre Argumente im wesentlichen schon berücksichtigt. Übrig bleibt dennoch ein Zweifel an der Angemessenheit der Farben Schwarz-Rot-Gold. Nicht nur, weil sie die Deutschschweizer ausschließen.
SRG stand für die großdeutsche Lösung, d.h. einschließlich der deutschsprachigen österreichischen Länder, aber ohne die übrigen Teile der k.u.k. Monarchie. Diese hätte sich auflösen müssen. Oder stand SRG für eine großdeutsche Lösung unter Einverleibung der Ungarn, Tschechen usw.? Die Antwort weiß ich nicht, vielleicht können Sie dazu etwas sagen?
Mein Zweifel ist berechtigt, denn selbst die kleindeutsche Lösung schloss Millionen Polen ein. Somit haftet beiden Lösungen ein Gestus an; den man aus der Zeit heraus verstehen kann, aber berufen möchte ich mich darauf nicht.
Auf den ersten Kommentar sind Sie nicht eingegangen, können ihm daher nicht sinngebend widersprechen. Ich halte die dort aufgeführten Begründungen für eine kulturelle Überheblichkeit, die es den Österreichern sicher nicht erleichtert, SRG zu akzeptieren.
Lieber Herr Baer,
lieber Herr Schmidt,
ich finde das Thema spannend und möchte noch einen weiteren Gesichtspunkt zur Sprachgeschichte nicht zur Farbgeschichte hinzufügen.
Eine einheitliche deutsche Sprache hat es im 19. Jahrhundert im Territorium, das wir heute Bundesrepublik Deutschland nennen, noch nicht gegeben. Vielmehr sprachen unsere Vorfahren verschiedene Dialekte, die sich stark voneinander unterschieden. In den Auseinandersetzungen in Zusammenhang mit den Napoleonischen Expansionskriegen benötigten die Heerführer aus den Territorien, die wir heute Deutschland nennen, Dolmetscher, um eine gemeinsame Strategie abstimmen zu können. Darüber hinaus lebten und leben wir in einer vielsprachigen Republik – schon damals gab es neben den Dialekten Fremdsprachen wie Dänisch, Friesisch, Polnisch, Sorbisch … Von einer wirkliche Verständigung unter “Deutschen” mit einer gemeinsamen Sprache können wir erst seit dem 20. Jahrhundert sprechen. Johann Wolfgang von Goethe hat mit seinem Schriftdeutsch eine Vorlage für eine hochdeutsche Sprache vorgelegt.
Es ist das Verdienst der Schulen, eine gemeinsame deutsche Sprache herzustellen; sie haben den wichtigen Beitrag geleistet .
“Alle Deutschen auf einem deutschen Territorium als Nation” – ist eine Konstruktion, eine nützliche Konstruktion. Unsere demokratische Verfassung wurzelt in den Prozessen dieser Volksbildung.
Ich grüße Sie herzlich!
Liebe Frau Palme,
mit dem Begriff “einheitliche Sprache” nach Ihrer Definition würde es eng. So ganz kann ich die Nützlichkeit für das Besprochene nicht erkennen. Ob Sie ein bisserl nachlegen?
Mit Gruß
Zu SRG fallen mir zunächst psychonanalytische Intepretationen ein:
Sch…., Blu., Uri.
Der Artikel ist krank, die darauf folgende Diskussion nicht minder. Ich frage vielmehr die einzelnen Personen: Welche Bedeutung messen sie persönlich diesen Farben und der höchst überflüssigen Diskussion darum zu?
Liebe Mitleser,
Herr Palousek ist in diesem Blog der eifrigste Kommentator. Auch wenn er mir gegen den Strich ging, habe ich bisher jeden seiner Kommentare freigeschaltet. Seinen Tonfall beobachte ich allerdings mit wachsender Enttäuschung.
Zu dem Thema gibt es einen neuen Beitrag in der baerentatze unter dem Titel Sprachen tragen keine Farbe.